Wir stehen im fertigen Rohbau, freuen uns über jede verputzte Wand, jede neue Dämmplatte und jedes Kabel, das aus den Wänden ragt. Doch während das Haus sichtbar wächst, wachsen parallel auch die Kosten und zwar stärker als erwartet. Zeit für eine Zwischenbilanz.
Mit dem Rohbau endet der größte Bauabschnitt. Dass er teurer wird als veranschlagt, ist schon seit der Vergabe der Rohbauarbeiten klar. Doch nicht nur in diesem Punkt unterscheidet sich die Schätzung von der Realität.
Kostenschätzung Hausbau: Wo Planung und Realität auseinander gehen
Schätzungen bleiben Erfahrungswerte. Sie helfen, eine Vorstellung vom Gesamtbudget zu bekommen. Mehr als eine grobe Orientierung sind sie jedoch nicht. Bauherren sollten nie den Fehler machen, sich ausschließlich auf diese Zahlen zu verlassen.
Ein realistischer Vergleich ist erst möglich, wenn man mehrere Angebote eingeholt hat. Die Gründe sind einfach: Steigende Materialkosten, die Auftragslage der Betriebe und auch regionale Preisunterschiede beeinflussen die Baukosten jedes Bauprojekts.
Rohbau und Erdarbeiten: Unser größter Preissprung
Mit Baubeginn kam für uns gleich der erste Dämpfer: Die Angebote für Rohbau, Kanal- und Erdarbeiten lagen deutlich über dem Plan. Und jetzt? Viele Möglichkeiten, die Kosten zu reduzieren, gibt es hier nicht. Während man bei Sanitär, Bodenbelägen oder Elektronik durch Material und Umfang bei zu hohen Kosten gegensteuern kann, ist das beim Rohbau kaum möglich. Die einzige Option: Grundriss, Fläche und Statik umplanen.
Bei einem Preisunterschied von fast +25% zwischen Schätzung und Angebot blieb uns nur der Schritt zurück in die Planung. Zum Glück fand unsere Architektin eine Lösung, um Statik und Dämmung zu vereinfachen, die sich unauffällig in unseren bestehenden Grundriss integrieren ließ. Trotzdem blieben die Kosten über der ursprünglichen Schätzung.
Der Preissprung unseres Rohbaus zeigt, welchen Einfluss individuelle Umstände auf die Kosten haben. Unsere Architekten arbeiten sonst in Regionen mit hoher Bauaktivität, wo viele Firmen um Aufträge konkurrieren. In unserem Baugebiet gibt es nur wenige Anbieter für Rohbauarbeiten. Dazu kommt, dass inzwischen die meisten neuen Häuser Fertighäuser sind, sodass Baufirmen ihre Kapazität für Einfamilienhäuser senken. Wenn sie ein Angebot abgeben, kalkulieren sie den Preis so, dass sich der Aufwand für sie lohnt.
Die Kostenschätzung aus dem Jahr 2024 für die Gewerke Erdbau, Rohbau und Innentreppe belief sich auf 265.000 €. In der engeren Auswahl standen zwei Firmen, deren Angebote preislich nur um wenige hundert Euro voneinander abwichen. Wir entschieden uns für einen Rohbauer mit einem Angebot von 293.365 € – die tatsächlichen finalen Kosten liegen jedoch voraussichtlich bei 283.000 €.
Innen- und Außenputz: Hohe Preise trotz vieler Angebote
Auch beim Innenputz, Außenputz, Wärmedämmverbundsystem und Fassade hatten wir Probleme, in der Region eine bezahlbare Firma zu finden. Trotz vieler Angebote, blieben die Preise über der Schätzung. Am Ende sind auch diese Arbeiten teurer geworden als geplant.
Die Schätzung für die beiden Positionen lag bei 73.500 €, die Kostensteigerungen sind hier nach Abzug von Nachlass und Skonto noch recht moderat - insgesamt 74.700 €.
Fassadenverkleidung aus Holz: Zusatzkosten für die Optik
Die Fassadenverkleidung ist ein reines Gestaltungselement. Für uns war das von Anfang an wichtig und deswegen waren wir bereit, Geld auszugeben: Genauer gesagt, 7.000 Euro eingeplant. Die eingeholten Angebote lagen bei mehr als doppelt so viel.
Verzichten wollten wir nicht und haben gemeinsam mit unserer Architektin Wege gesucht, die Kosten zu reduzieren. Ursprünglich sollte das Haus von der Straßenseite im Westen bis zur Hälfte der Südseite mit Holzlamellen verkleidet werden. Wir haben uns entschieden, nur die Straßenseite zu verkleiden und an der Ecke zu stoppen. So wirkt die Holzoptik weiterhin, während sie an der Südseite kaum sichtbar gewesen wäre. Zusätzlich sind wir vom ursprünglich angedachten Accoya-Holz auf lasierte Fichte gewechselt.
Natürlich hätten wir auch komplett darauf verzichten und damit am meisten sparen können. Damit hätten wir aber auf ein zentrales gestalterisches Element unseres Hauses verzichtet. Für uns gibt die Holzfassade dem Haus seinen Charakter, ohne sie würde etwas Wesentliches fehlen.
Außentreppe aus Stahl: Kosten und Planung der Schlosserarbeiten
Wenn schon das Standardmodell deutlich über der Schätzung liegt, bleibt kaum Spielraum zum Sparen. Genau so war es bei unserer Außentreppe. Alle Angebote lagen über der Kalkulation. Überraschenderweise machte das individuell gestaltete Geländer preislich kaum einen Unterschied. Damit konnten wir uns ausnahmsweise ohne schlechtes Gewissen für die schönere Optik entscheiden.
Auch hier lagen wir mit 17.000 € weit über den budgetierten Kosten von 12.000 €.
Der größte Kostentreiber: die Bauherren selbst
Die teuersten Entscheidungen trifft man nicht auf der Baustelle, sondern im Showroom. Wir hätten gerne gesagt, dass nur steigende Materialpreise schuld sind. Die Wahrheit ist: Viele Mehrkosten haben wir selbst verursacht.
Ob Bodenbeläge, Lichtschalter oder Küchenschränke: Man vergleicht Materialien, fühlt die Oberflächen und sieht den Unterschied der Qualität. Im direkten Vergleich fällt es schwer, sich für die günstigste Variante zu entscheiden. Wann ist Sparen sinnvoll? Und wann würde man es im Nachhinein bereuen, nicht doch das hochwertigere Produkt gewählt zu haben?
Hier die Positionen bei denen wir nicht “Nein” sagen konnten, obwohl es auch günstiger funktioniert hätte:
Elektroarbeiten im Hausbau: Wie Zusatzwünsche die Kosten verändern
Auch Kleinigkeiten summieren sich. Mit dem ersten Angebot lagen wir bei den Elektroarbeiten noch im Budget. Doch je konkreter die Elektroplanung wurde, desto mehr Punkte kamen dazu, die sinnvoll erschienen und den Preis Stück für Stück nach oben trieben.
- Lichtschalter: Nachdem der Elektriker uns die verschiedenen Schalterprogramme und ihre Farben gezeigt hat, sind wir vom “Standard” Modell Busch-Jaeger Balance auf Busch-Jaeger future linear gewechselt. Der Aufpreis lag hier bei etwa 600€.
- Dosen: An einigen Stellen haben wir tiefe Dosen setzen lassen, sowie jeweils extra Zuleitungen zur Unterverteilung. So halten wir uns die Möglichkeit offen, später in Eigenleistung Smarthome-Aktoren nachzurüsten.
- Dachheizung: Sie war anfangs nicht eingeplant. Damit Wasser nicht in der Regenrinne gefriert, ist sie aber notwendig.
- Medienkanal: An der TV-Wand im Wohnzimmer sollte ein Medienkanal integriert werden, um später Kabel unsichtbar verlegen zu können.
- Bewegungsmelder: Im Außenbereich werden für mehr Komfort und Sicherheit steuerbare Bewegungsmelder angebracht.
Jeder Punkt für sich betrachtet, wirkt sich kaum auf das Budget aus. Doch aus vielen kleinen Posten werden schnell große Summen. Während wir bei den Elektroarbeiten zu Beginn noch voll im Budget lagen, haben unsere Extrawünsche dann doch noch mal 3.000 € extra gekostet.
Treppengeländer aus Glas: ein kostspieliges Extra
In der Kostenschätzung war das Material des Treppengeländers der Innentreppe und des Luftraums nicht festgelegt. Erst in der Detailplanung entschieden wir uns für ein Geländer aus Glas. So kann das Licht aus dem oberen Geschoss ungehindert bis ins Untergeschoss fallen.
Grundsätzlich wäre das auch mit einem Metallgeländer möglich gewesen. Optisch hat uns Glas jedoch besser gefallen, sodass wir uns am Ende bewusst für die teurere Variante entschieden haben.
Statt den ursprünglich angedachten 4.500 € für ein Metallgeländer vom Schlosser liegen wir nun bei 9.640 € für ein Glasgeländer.
Fenster und Haustür: Warum wir vom Standard abgewichen sind
Kunststofffenster – mit ihnen wollten wir sparen, der eine Posten, der planbar unter dem Budget bleibt. Mit den ersten Angeboten zeigte sich: daraus wird nichts.
Selbst für die Kunststofffenster lagen die Angebote der Fensterbauarbeiten deutlich über dem geschätzten Preis. Das Angebot für die hochwertigeren Holz-Alu-Fenster war allerdings günstiger als erwartet. Und so fiel der Unterschied zwischen beiden Varianten überraschend gering aus: Die Holz-Alu-Fenster waren 10.000 Euro teurer als die Varianten aus Kunststoff, insgesamt nach Skonto lediglich etwa 6.000 Euro über dem Budget.
Selten war es so leicht, sich für ein Upgrade zu entscheiden. Zum geringen Aufpreis kam ein weiterer Punkt: In den Detailplänen sahen wir, dass die Profile der Kunststofffenster bei unseren Eckverglasungen gut dreimal so breit wie bei Holz-Alu ausgefallen wären. Damit wäre genau das Gestaltungselement verloren gegangen, das uns am Entwurf so gut gefallen hat. In diesem Fall hätten wir die Eckverglasung genauso gut streichen und die Ecke einfacher und günstiger in Stahlbeton oder Mauerwerk ausführen können.
Günstiger als erwartet: Bei diesen Gewerken konnten wir Kosten sparen
Nicht alle Angebote lagen über der Schätzung. Bei einigen Gewerken gab es auch positive Überraschungen: Sie wurden günstiger, ohne dass wir Leistungen streichen oder Abstriche bei der Qualität machen mussten.
Bei der Photovoltaikanlage profitierten wir vor allem von der Marktentwicklung: Seit 2024 sind die Preise für PV-Module gesunken. Zusätzlich haben wir uns vorerst gegen einen Batteriespeicher entschieden. Diesen wollen wir zu einem späteren Zeitpunkt nachrüsten.
Auch das Garagentor ist günstiger als in der Kostenschätzung angenommen. Und das ganz ohne Änderungen an Größe, Ausstattung oder Optik.
Ähnlich war es bei den Sanitärgegenständen sowie der Lüftungsanlage. Auch hier lagen die finalen Angebote unter der Schätzung.
Diese Posten zeigen: Kostenschätzungen können in beide Richtungen abweichen. Aber auch wenn einzelne Posten günstiger ausfallen, in der Summe wird es am Ende meist doch teurer als ursprünglich geschätzt.
Zusammenfassung
Aktuell liegen wir bei etwa 7 % über dem ursprünglichen Budget. Das zeigt einmal mehr: Beim Hausbau sollte man immer Preissteigerungen einplanen und das Budget nie komplett ausreizen. Gerade zu Beginn wirken ein paar hundert Euro mehr hier und da harmlos. In Summe machen sie jedoch einen großen Unterschied.
Wenn das Budget ausgeschöpft ist, kann eine Nachfinanzierung eine Lösung sein. Man sollte aber bedenken, dass gestiegene Zinsen die Finanzierung verteuern können. Das bedeutet nicht nur eine höhere monatliche Belastung, sondern kann den Bau verzögern oder dazu führen, dass man einzelne Gewerke erst nach Einzug, wenn wieder Geld vorhanden ist, abschließen kann.
Plant deshalb bewusst Spielraum ein und kalkuliert konservativ. Genau dieser Puffer hat uns am Ende die nötige Ruhe gegeben.
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